Buttersäure verpestet Anwaltsbüros

Attacken der Autonomen richten sich immer öfter gegen „bürgerliche Rechte“

Verfasser_innen: host; Berliner Zeitung 28.Juli 1994

Erneut haben Autonome Anschläge gegen die rechte Szene in Berlin verübt. Seit einiger Zeit beobachten Experten dabei eine neue Entwicklung: Zunehmend richten sich die Angriffe nicht nur gegen miiltante Neonazis, sondern auch gegen tatsächliche oder vermeintliche „seriöse Rechtsextreme.

Jüngstes Beispiel: Mehrere Buttersäure-Attacken vor 14 Tagen gegen drei Rechtsanwälte, die zum Teil Verbindungen nach Rechtsaußen haben oder Neonazis vor Gericht verteidigten.

„Gegen drei Uhr morgens kiirrten in der Nacht zum 8. Juli bei uns in der Kanzlei die Scheiben“, berichtete der ehemalige Vorsitzende der Berliner Republikaner und Rechtsanwalt Carsten Pagel. „Anschließend warfen Unbekannte eine Flasche mit Butter-Säure in die Räume.“ Der Gestank, so Pagei, habe einige Tage „unerträglich über der ganzen Praxis gehangen“.

Eine Nacht später erfolgte ein weiterer Buttersäureanschiag gegen die Privatwohnung des Rechtsanwaltes Aribert Streubel, am 10. Juli verwandelte eine Flasche mit der stinkenden Flüssigkeit auch die Praxis von Streubei in Wilmersdort in einen übelriechenden Raum. Schließlich verwüsteten die gleichen Täter am 11. Juli die Büroräume des Anwaltes Otarle Narssla in Charlottenburg. In einem Schreiben an dle Berliner Zeitung bekannten sich ~Autonome Gruppen“ zu den Anschlägen.

Pagel, Streubel und Narssla hätten zentrale Funktionen „im braunen Netz Berllhs“ inne und übemähmen wichtige Funktionen für Organisationen wie dem Hoffmann-von-Fallersleben-Bildungswerk oder der inzwischen umbenannten Deutschen Kulturgemeinschaft. Sowohl die Institutionen wie auch zwei der Geschädigten seien „einschlägig bekannt“, heißt es dazu in Staatsschutzkreisen. Offiziell bestätigt die Polizei den Eingang von zwei Anzeigen.

Seit einiger Zeit richten sich militante Anschläge zunehmend gegen die „Braunzone“ zwischen dem bürgerlichen rechten Rand und eindeutigen Neonazi-Organisationen, die sich nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden in Berlin herausgebildet hat. So gingen im Winter 1993/94 knapp ein Dutzend Autos rechter Aktivisten in Flammen auf — darunter auch der Wagen von Carsten Pagel, der gegenüber der Berliner Zeitung behauptet, seine Einstellung nicht geändert zu haben, aber nicht mehr politisch aktiv zu sein.

Ebenfalls im Visier der „autonomen Gruppen“: Der ehemalige Cheflektor des Uilstein-Verlags, Rainer Zitelmann. Zitelmann sei ein biederer „Schlips-und-Kragen-Faschist“, der den Nationalsozialismus reiativiere, mühten sich die Täter in einem fünfseitigen Schreiben, die Anschläge zu erklären. im Zuge der „Affäre Bonfert“ um Kontakte des ehemaligen Sprechers von Innensenator Dieter Heckeimann hatten Staatsschützer auch Zitelmann bei den umstrittenen „Dienstags-Gesprächen“ registriert, die von einem Rechts-Aktivisten organisiert werden.

Schließlich ging Ende April dieses Jahres der neue Wagen des Berliner Rechtsextremisten Arnulf Priem in Flammen auf — sein alter Pkw war bereits früher „abgefackelt“ worden.

Die Chancen, die Täter der jeweiligen Anschläge zu fassen, dürften gering sein.,, Die schlagen nicht blindlings zu, sondern überlegen sich das sehr gut und gehen mit einer gewissen Professionalität vor“, sagte Carsten Pagel. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Polizei da irgend jemand ermitteln kann.“ host