Deutsche Eichen müssen weichen
Pankow-Buch – Ruhiges Hinterland für Neonazis?

 

„Ich wurd geborn in Pankow-Nord, kurz vor Brandenburg, in Fünfgeschosserblocks aus grauem Stahlbeton. Und der Ort Kam mir manchmal vor wie ein gottverdamtes Faschodorf. Glatzen kamen oft auf unsren Hof und wir rannten fort. Doch ich konnt nicht ewig flüchten. Ich musste mich aus der Gegend verpissen, weil sie mich dort eh nicht vermissten“ (Damion Davis, „Immer Unterwegs“)

Die 90er Jahre

In Berlin und darüber hinaus ist Buch vor allem durch die immer wiederkehrenden neonazistische Aktivitäten bekannt geworden. Von Anfang bis zum Ende der 90er Jahre galt der Ortsteil als eine Hochburg rechter Ausschweifungen.
Rechte Jugendliche trafen sich in Berlin-Buch in unterschiedlichen Einrichtungen. Vorwiegender Anlaufpunkt waren die Jugendeinrichtungen „Der Alte“, der „Neue“ und der „Würfel“. Ältere Neonazis trafen sich in den Kneipen „Schlosskrug“ und „Hut ab“. Im Umfeld dieser Lokalitäten, so wie der Hitler-Geburtstagsfeiern am 20. April kam es immer wieder zu Übergriffen, Beleidigungen sowie Hakenkreuz- und SS-Schmierereien. Oft wurden vietnamesische Zigarettenhändler brutal angegriffen und zusammengeschlagen.
Trotz vorhandenem rechten Potential im Ortsteil Buch gelang es den Neonazis nicht, über einen längeren Zeitraum Kontinuität in ihrer Arbeit zu entwickeln. Die meisten dieser rechten Organisationsversuche entfalteten kaum Außenwirkung, waren auf die Hilfe von außen angewiesen und verschwanden so schnell, wie sie entstanden waren.

Neonazis in Berlin-Buch im neuen Jahrtausend – „Die Volksaufklärung in den Nordosten tragen“

Die NPD bildet über die Jahre die einzige Kontinuität in der Unterstützung der losen Zusammenhänge in Buch. Der Pankower Kreisverband der NPD (KV8) galt als einer der aktivsten Kreisverbände der NPD in Berlin (2).
Die Kameraden der lokalen NPD und der „Vereinten Nationalisten Nord Ost“ (VNNO) (3) hielten in Buch Infostände ab und verteilen regelmäßig Propaganda vor Schulen und an Bahnhöfen. Ein Negativhöhepunkt war die Überflutung der Schulhöfe in Buch und Umgebung mit der NPD-Schulhof-CD (4).
Die Abgelegenheit der Region nutzte die NPD um ungestört ihrem Heldengedenken nachzugehen. So besuchten Anhänger des NPD KV8 am 24.03. 2010 den Friedhof in Blankenburg um ihr krudes Heldengedenken abzuhalten. Im Zuge dieser Veranstaltung verteilten die Neonazis Flugblätter und Broschüren an Bucher Haushalte. (5)
Auch zum Todestag des Hitlerstellvertreters Rudolf Hess und zum 8. Mai verklebten NPD und VNNO hier massiv Propaganda, die Hess zum Märtyrer und den 8. Mai als „Tag der Schande“ stilisierte.
Dass die Gegend im Rahmen berlinweiter Kampagnen mitgedacht wird, zeigt, dass es ein Bewusstsein für den Mangel an „jugendlicher Politik“ und Subkultur vor Ort gibt. Diese Leerstelle versuchen Neonazis gezielt zu besetzen.

Freie Kräfte & Co

Gerade weil die politische Reibungsfläche für die Neonazis in diesem Stadtteil so gering ist, gibt es immer wieder Aktionen. Um zu zeigen, dass es sich um eine aktionsorientierte Bewegung handelt, die keine Angst vor Konfrontation besitzt und sich auch im illegalen Raum bewegt, kommt es regelmäßig zur Schändung von Denkmälern und Gebäuden. Dies soll jungen Menschen als Anreiz dienen, Teil der neonazistischen Szene zu werden.
Besonders beliebtes Ziel bei den jungen Neonazis ist das sowjetische Ehrenmal in Berlin-Buch. So wurde das Denkmal unter anderem im Juni 2010 und im Dezember 2011mit Hakenkreuzen beschmiert.(6) Am 3. Juni 2012 kam zu einer Sprühaktion am Klinikum Buch. Neben Hakenkreuzen und SS-Runen wurde auch der Schriftzug „Lüge“ angebracht (7). Ziel der Sachbeschädigungen war u.a. ein Mahnmal in Erinnerung an die Opfer der Ärztemorde. Diese wurden zu Zeiten des 3. Reiches im Bucher Klinikum an „psychisch kranken Menschen“ durchgeführt.
Für die Aktionen ist die relativ junge „Aktionsgruppe Buch“ (AG Buch) verantwortlich, die seit Sommer 2012 den Stadtteil mit rechten Aufklebern überzieht (8) und im Mai desselben Jahres die Dieter-Eich-Gedenk-Demo provozierte. Mitglieder der AG Buch waren bereits zwei Mal Ziel von Hausdurchsuchungen (9), zuletzt am 10.01.2013, nach einer gescheiterten Spontandemo in Buch. Es wurden ein Schwert, zwei Schlagringe und eine Stahlrute beschlagnahmt. (10)

Im Jahr 2011 trat kurzzeitig ein Zusammenhang unter dem Namen „Freie Netz Pankow“ (FNP) in Erscheinung. Sie plakatierten in Buch und Umgebung Horst-Wessel-Plakate. Weiterhin klebten sie am 10.09 2011 Plakate mit dem Slogan „Die Demokraten bringen uns den Volkstod“. Es ist davon auszugehen, dass es sich beim FNP um einen Vorläufer der jetzigen AG Buch handelt.

Der Bürger in Berlin-Buch – Nichts sehen, Nichts hören, Nichts sagen?

Das sich der Ortsteil Buch zu einem Rückzugsort für Menschen aus der rechten Szene entwickelt hat, liegt sicherlich auch an dem Umgang der Bevölkerung mit den Neonazis.
„Wissenschaftler aus über 57 Nationen sind hier tätig. Immer wieder klagen sie über Pöbeleien, auch Rempeleien auf dem Weg vom Bahnhof zum Bucher Campus“, weiß Dr. Ulrich Scheller (Geschäftsführer der BBB Management GmbH) vom Bucher Wissenschaftscampus zu berichten. Unter der Hand wurde zeitweise sogar überlegt Mitarbeiter*innen das Taxigeld für die Fahrt nach Prenzlauer Berg zu bezahlen, um diese zu schützen. (11)
Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Anwohner_innen nicht sensibilisiert genug sind, um die Gefahren rechter Einflussnahme in Berlin-Buch zu erkennen. Gerade hier muss antifaschistische Praxis ansetzen und in der Bevölkerung auf die rechte Indoktrinierung aufmerksam machen um sie zu bekämpfen. Wichtig ist es, den Protest gegen Neonazis auch in das viel beschworene ruhige Hinterland zu tragen und offensiv zu zeigen, dass rechtes Gedankengut nicht gewünscht ist. Wenn wir etwas gegen rechtes Gedankengut unternehmen wollen, dann werdenw ir um eine Thematisierung von Alltagsrassismus und sozialer Ausgrenzung nicht umhin kommen, gerade weil die alltägliche Diskriminierung in Buch nicht von straff organisierten Neonazis ausgeht.

Dies muss unter Einbeziehung der Bürger_innen in Berlin-Buch geschehen. Denn gerade sie sind es, die tagtäglich mit den faschistische Auswüchse wahrnehmen. Um sie zu erreichen muss unter anderem die Kooperation mit Jugendeinrichtungen gestärkt und ein antifaschistisches Gegenangebot geschaffen werden.

North East Antifascists (NEA), April 2013

Verweise:
01: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: Profil Berlin Buch. Berlin: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, 2005
02: Lokaler Aktionsplan Pankow: Bundesprogramm „ Vielfalt tut gut“. Berlin LAP, 2009
03: Die Vereinigten Nationalisten Nordost (VNNO) waren eine Vor- und Umfeldstruktur der NPD Pankow, die dazu diente gewalt- und erlebnisorientiertes Neonazi-Klientel einzubinden. Nach Übertritten in die NPD wurde das Label VNNO nur noch für Aktionen genutzt, die nicht offiziell als NPD-Aktion laufen sollten. Der Personenkreis ist jedoch denkungsgleich. Das Label wird heute nicht mehr verwendet.
04: NPD-Schulhof-CD: Das Konzept dieser CD übernahm die NPD von den Freien Kameradschaften. Die erste NPD-Version von 2005 trug den Titel „Schnauze voll – Wahltag ist Zahltag“. 2006 folgte der Nachfolger „Der Schrecken aller linken Spießer und Pauker“.
Mittlerweile existieren 7 verschiedene Auflagen dieser CD von der NPD. Die Rechten Demagogen versuchen mit dieser CD an die Lebenswelt junger Menschen anzuknüpfen und sehen sich als ihre Interessenvertretung gegen das System.