„Der Mord an Dieter Eich“
Dieter Eich lebte lange Zeit in einer Laube in einer Blankenburger Gartenanlage. Nach dem Tod seiner Lebensgefährtin zog er nach Pankow-Buch in deren Wohnung in der Walter-Friedrich-Straße 52. Zu dieser Zeit bezog er Sozialhilfe. Wegen seiner Frisur war er in der Nachbarschaft als „Beethoven“ bekannt. Im selben Haus wohnte auch Dieter Eichs späterer Mörder René R. (18 Jahre / geb. 1982), Neonazi und Sohn eines ehemaligen BGS-Beamten.

Einen „Assi aufklatschen“

René R.‘s Wohnung war zu diesem Zeitpunkt regelmäßiger Treffpunkt für R.’s rechten Freundeskreis. Laut Anwohner_innen kamen es aus der Wohnung und deren näherer Umgebung durch die Clique immer wieder „Sieg Heil!“-Rufe. René R. feierte am 24. Mai 2000 die Einweihung seiner Wohnung zusammen mit seinen drei Kameraden Andreas I. (19 Jahre / geb. 1982), Thomas S. (17 Jahre / geb. 1983) und Matthias K. (21 Jahre / geb. 1979). Erst drei Wochen zuvor war er aus dem elterlichen Haus ausgezogen.
Am Karower Eck, einer Imbissbude in der Gegend, betranken sie sich und holten Alkohol für das anstehende Trinkgelage. Auf dem Weg zu R.’s Wohnung grölten sie rechte Parolen und beleidigten in einer Grünanlage einen Afrikaner mit rassistischen Pöbeleien. Abends hörten sie rechte Musik, tranken und hetzten. Es wurde erst über Migrant_innen hergezogen, später über „Asoziale“. Die Neonazis fassten den Entschluss Dieter Eich, der in Gegend als „Alki“ galt, eine Lektion zu erteilen. Die Initiative einen „Assi aufklatschen“ (1) zu gehen ging dabei maßgeblich von Matthias K. aus.

Die Gruppe machte sich von der sechsten Etage des Wohnblocks auf den Weg in die neunte. Problemlos gelangten sie in Dieter Eichs Wohnung, da deren Tür bereits länger kaputt war. Als René R. und Matthias K. auf der Suche nach Spirituosen nicht fündig wurden begaben sie sich ins Schlafzimmer. Dort fanden sie ihr Opfer schlafend vor und begannen auf Dieter Eich mit Schlägen und Tritten zu traktieren. Immer wieder traten sie gezielt gegen den Kopf und in die Magengegend. Während Matthias K. und René R. auf den wehrlosen Dieter Eich einschlugen, hielten Andreas I. und Thomas S. im Flur Wache. In der Wohnung von R. wieder angekommen bekamen sie Angst ihr Opfer könne sie wieder erkennen. Eine Stunde später entschlossen sie sich Dieter Eich umzubringen, um ihn mundtot zu machen. R. hatte hierfür das Jagdmesser seines Vaters mitgebracht. Mehrmals stach er auf Dieter Eich ein und rammte ihm letztendlich die 11 Zentimeter lange Klinge direkt ins Herz.

Kurze Zeit nach der Tat begaben sich Andreas I., Thomas S. und Matthias K. ein drittes Mal an den Tatort, um die Spuren des Mordes zu beseitigen. Den betrunkenen und übermüdeten Rene R. ließen sie indes in seiner Wohnung zurück. Sie beseitigen die Fingerabdrücke und Blutspuren, auch im Treppenhaus. Dem volltrunkenen René halfen sie aus seiner blutigen Kleidung, stecken diese samt Springerstiefeln in eine Plastiktüte und entsorgen sie im Müllschlucker eines anderen Hochhauses. Das Messer warfen sie weg.

Dieter Eich starb im Alter von 60 Jahren. Der Stich in die Herzgegend durchtrennte zwei der Herzschlagadern und ließ ihn innerlich verbluten. Ein Freund fand ihn blutüberströmt in dessen verwüsteter Wohnung, wo sie sich zum Kaffe trinken verabredet hatten.

„Der musste weg, der war asozialer Dreck.“

Am Tag darauf prahlte René R. damit „seinen ersten Menschen abgestochen“ (2) zu haben. „Matze“, (Matthias K.) hatte ihn bereits kurz nach der Tat dafür gelobt: „Das hast du gut gemacht. Der musste weg, der war asozialer Dreck.“ (3).
Zu diesem Zeitpunkt pflegte K. gute Kontakte zu Arnulf Priem, einem langjährigen Aktivisten der ost- und westberliner Neonaziszene. K. und R. besuchten einen Tag nach der Tat Arnulf Priem in dessen Wohnung im Wedding. Wie einige der Angeklagten später vor Gericht angaben, war Priem auch bei Kameradschaftsabenden zugegen, an denen sie teilgenommen hatten und an denen er unter anderem „deutsches Schriftgut“ vortrug. Die Tatsache, dass Priems Stammanwalt Aribert Streubel den Angeklagten Matthias K. im Laufe des Prozesses vertrat, legt nahe, das René R. und Matthias K. bei Priem nicht bloß zum Kakao trinken vorbei schauten, sondern gezielt dessen Rat ersucht hatten.

Infokasten: Aribert Streubel
Aribert Streubel verteitigte in der Vergangenheit bereits öfter Neonazis, so auch Arnulf Priem, als dieser 1995 wegen „Bildung eines bewaffneten Haufens“ vor Gericht stand. Neonazis, die im Raum Berlin rechtlichen Beistand suchen, wird er vom neonazistischen Deutschen Rechtsbüro (DRB) als Vertreter vor Gericht empfohlen (4). Streubel selbst ist Mitglied der DVU (5)

Infokasten: Arnulf Priem
Arnulf Priem (geb. 1950) saß zu DDR-Zeiten wegen „Staatsfeindlicher Propaganda“ und „Unzucht“ im Gefängnis und wurde 1968 vom Westen freigekauft. Priem trat Anfang der 70er für die Freiburger NPD als Kandidat an. Ab 1977 bekleidete er in Berlin das Amt des Aktionsführers des Ortsgruppenvorstandes der NSDAP/AO (AO = Aufbauorganisation), später das des Bereichsleiters der Gesinnungsgemeinschaft der neuen Front (GdNF) und das des Vorsitzenden der „Deutschen Alternative“ (DA). In den 80ern und 90ern war Arnulf Priem nicht nur selbst aktiv in das militante Neonazispektrum und deren Wehrsportverbände eingebunden, sondern hielt auch über namhafte Rechts-Terroristen seine schützende Hand. So gewährte er unter anderem Peter Binder, einem Mitglied der Volkstreue außerparlamentarische Opposition (VAPO) Unterschlupf. Binder war 1993 an einer Briefbombenanschlagsserie in Österreich beteiligt, in die auch Priem verwickelt war (6). Arnulf Priems Rolle in diesem Zusammenhang ist bis heute nicht genau geklärt. Auch Kai Diesner, der 1997 ein Mitglied der PDS in Marzahn mit einer Schrotflinte schwer verletzte und später einen Polizisten erschoss, war von Priem 1991 in „Germanenkunde“ unterrichtet worden. Die Bibliothek Arnulf Priems, die in großem Umfang esoterische und nazistische Schriften enthält wurde in den 80ern häufig von Neonazis frequentiert. Seit Ende der 90er ist Arnulf Priem in Neonazikreisen umstritten, da ihm seine Affären zu weitaus jüngeren Mädchen auf nicht viel Gegenliebe in der rechten Szene stießen. Derzeit schreibt Priem in verschiedenen rechten Foren, wie dem Thiazi-Forum, pflegt Kontakte zu Neonazis aus seiner Aktivisten-Zeit, wie z.B. Lars Burmeister (Ex-FAP) und stellt sein Wissen auch weiterhin jüngeren Neonazis zur Verfügung.

„Du weißt, was du zu sagen hast“

Durch die Befragung von Hausbewohner_innen gelangte die Kripo auf die Fährte der Täter. Zwei Tage nach dem Mord nahmen die Behörden diese in Haft und begannen sie zu verhören, was erste Schuldgeständnisse hervorbrachte. Auch an ihrer Gesinnung ließ sich auf Grund ihrer Äußerungen nur Schwer zweifeln. Oberstaatsanwalt Michael von Hagen zweifelte an das die rechte Gesinnung der angeklagten treibendes Motiv für die Tat war. So sagte er gegenüber der TAZ „Nicht jede Tat eines Rechtsgerichteten ist automatisch eine rechtsgerichtete Tat.“ (7). Die Klärung der Frage, ob es sich um einen Mord mit rechtem Hintergrund handle wurde trotz eindeutiger Indizien auf den letzten Prozesstag im März verschoben.

Noch vor dem Prozess wurde René R. in der Untersuchungshaft von Mithäftlingen und einem der Mittäter unter Druck gesetzt. Wenn er die Schuld nicht auf sich nähme würde ihm eine schwere Haftzeit bevorstehen. „Woher wusste die Kripo von Priem?“ fragte Andreas I. ihn drohend in einem, an der Postkontrolle vorbei geschmuggelten, Brief (8). Wenige Tage vor dem Beginn des ersten Prozesstages am 6. Februar 2001 wurde René R. im Wartezimmer des Zahnarztes in der Jugendhaftanstalt erneut bedroht. „Du weißt was du zu sagen hast“ (9). Wenn René R. die Schuld allein auf sich nehme, so Andreas I., würden ihn die Kameraden nicht hängen lassen. I. Schrieb über sich: „Ich bin sozial abgesichert. Die Kameraden von draußen kommen und schicken Pakete.“ (10) R., der zuerst behauptet hatte, alle wären nur einmal in der Wohnung gewesen, ließ sich auf ein vollständiges Geständnis ein. Die Abänderung seiner anfänglich andere Aussage begründete er mit dem Druck, der auf ihn ausgeübt wurde: „Ich habe mir deshalb gedacht, lieber zehn ruhige Jahre sitzen, als acht Jahre Angst haben“ (11).
Matthias K. hingegen verschanzte sich hinter seiner Aussage, er wäre zu betrunken gewesen und habe von allem nichts mitbekommen. K.’s Anwalt Streubel versuchte die offensichtliche Verantwortung seines Mandanten als Haupttäter herunter zu spielen. Er zog den Prozess bewusst in die Länge, in dem er immer neue Verfahrensanträge stellte und Zeug_innen immer wieder mit Wiederholungsfragen konfrontierte. Streubel und ein weiterer Verteidiger befragten stundenlang Polizeibeamte, warum sie die Angeklagten während der Vernehmung so schlecht behandelt hätten. Es wäre nicht zumutbar gewesen, Jugendliche nach ihrer Festnahme noch mitten in der Nacht zu befragen.

Am 2. März 2001, zweiten und letzten Prozesstag, erhielt Matthias K., der als „treibende Kraft“ bei der Tat und „ rechte Hand Priems“ von Richter Dieckmann bezeichnete wurde (12) die höchste Haftstrafe: 13 Jahre. René R. wurde zu einer Jugendhaftstrafe von acht Jahren verurteilt, Andreas I. zu sechs und Thomas S. zu fünf Jahren.

Keine Haftstrafe, egal welche Höhe sie auch haben mag, kann diese Tat ungeschehen machen. Was uns bleibt ist dem brutalen Mord, der sich in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai ereignete zu gedenken und zu mahnen, dass sich derlei Taten nicht wiederholen.

Quellen:
1. vgl. Berliner Zeitung vom 03.03.2001
2. vgl. TAZ: vom 07.02.2001
Thomas S. gab gegenüber dem „psychartrischen Sachverständigen“ an das Rene R. nach dem Mord richtig stolz auf seine Tat gewesen war.
3. vgl. Berliner Zeitung vom 03.03.2001 und Tagesspiegel vom 03.03.2001
4 vgl. APABIZ, 1996
5 vgl. Lausitzer Rundschau vom 22.04.2008
6 vgl. Berliner Zeitung vom 20.04.1994
7 (07.02.2001_TAZ).
7. vgl. TAZ vom 02.03.2001
8. Ebd.
9. Ebd.
10. Ebd.
11. vgl. Berliner Zeitung vom 03.03.2001