In der eigenen Wohnung von Nazis erstochen

Antifaschisten erinnern zu Pfingsten in Berlin-Buch an Dieter Eich, der vor zehn Jahren ermordet wurde

Verfasser_innen: Neues Deutschland (22.Mai 2010)

Die vier Neonazis überraschen Dieter Eich im Schlaf. Der 60-jährige Sozialhilfeempfänger, wegen seiner Haartracht »Beethoven« genannt, ist seinen Peinigern wehrlos ausgeliefert, als diese auf ihn einschlagen und -treten. Der brutale Überfall trifft Eich in seiner eigenen Wohnung im 9. Obergeschoss eines Hochhauses in der Walter-Friedrich-Straße 52 im Pankower Ortsteil Buch. Noch zwei Mal kehren die Rechtsextremisten, die damals im Mai 2000 zwischen 17 und 21 Jahre alt sind, zurück: Beim ersten Mal sticht der Haupttäter René R. dem bewusstlosen Eich direkt ins Herz, weil die Täter befürchten, das Opfer könnte sie wiedererkennen und anzeigen. Beim zweiten Mal entfernen die Neonazis Fingerabdrücke und Blutspuren.

Erst Monate später vor Gericht wird der rechte Hintergrund der Tat geklärt: Einen »Assi klatschen« geben die Angeklagten als Motiv für den abscheulichen Mord an. Ein paar Stunden vor dem Mord hatten dieselben Täter bereits einen Afrikaner auf offener Straße angepöbelt. In den Vernehmungen stellt sich überdies heraus, dass die Angeklagten Kontakte zu dem berüchtigten Neonazi Arnulf Priem pflegten. Auch für das Grölen von Nazi-Liedern und den »Hitler-Gruß« waren sie bekannt.

Unter dem Motto »Niemand ist vergessen!« wollen antifaschistische und linke Gruppen an diesem Sonntag an Dieter Eich erinnern. Die Gedenkmanifestation beginnt um 14 Uhr am S-Bahnhof Buch. Rund 500 Teilnehmer werden erwartet. Am kommenden Dienstag, dem 25. Mai, soll es darüber hinaus um 18 Uhr ein Gedenken vor dem Hochhaus geben, in dem Eich erstochen wurde. Dazu soll auch ein Gedenkkranz niedergelegt werden.

Doch den Organisatoren des Gedenkens an Dieter Eich geht es nicht nur um das Erinnern an den feigen Mord an sich. »Wir glauben, dass sich die Neonazis damals durch die Hetze gegenüber Erwerbslosen bestärkt fühlten«, sagt Patrik Technau vom Bündnis »Niemand ist vergessen!«. Auch in diesen Tagen werde wieder vor allem durch die schwarz-gelbe Bundesregierung »massiv Hatz« gegen Menschen ohne Arbeit betrieben. Und dies in einer Manier, die auch bereits vor zehn Jahren die Ideologie befeuerte, die die Mörder von Dieter Eich antrieb. Auch dagegen gelte es Front zu machen, meint Technau.

Als weiteren Grund für die Demonstration nennen die Organisatoren die oftmalige Verschleierung solcher Verbrechen mit einem neonazistischen, antisemitischen oder rassistischen Hintergrund. Im Fall Eich etwa enthielt die ermittelnde Staatsanwaltschaft der Öffentlichkeit monatelang den rechtsextremen Hintergrund der Tat vor.

Auch zehn Jahre nach dem Prozess, der die rechte Motivation der Täter aufdeckte, sucht man in den offiziellen Statistiken vergeblich nach dem Namen Dieter Eich. Denn die Bundesregierung und die Berliner Polizei betreiben weiterhin eine andere Zählweise als Opferberatungsstellen oder Antifa-Gruppen: Während der Staat insgesamt 46 Morde aufgrund rechtsextremer Gesinnung seit 1990 aufführt, listeten unabhängige Gruppen Ende letzten Jahres 149 Morde auf, die seit der Wende von Neonazis oder Rassisten in der Bundesrepublik begangen wurden.