Saufen, raufen – töten

Prozess-Auftakt: Vier Rechtsradikale sollen Nachbarn brutal ermordet haben.

Verfasser_innen: Morgenpost (15. November 2000)


Von Jens Anker

Erst drangen dumpfe Schläge aus der Wohnung, zwei Stunden später blitzte ein Messer. Dieter Eich hatte keine Chance. Der erste Angriff überraschte ihn im Schlaf. Vier junge Männer aus dem rechtsradikalen Spektrum haben am 24. Mai diesen Jahres einen 60-Jährigen zusammengeschlagen und getötet. Seit gestern stehen sie wegen gemeinschaftlichen Mordes vor Gericht. Die Tat geschah nach Auffassung der Staatsanwaltschaft, um eine andere Straftat zu verdecken und nicht, um ein aus Sicht der Täter minderwertigen Menschen zu beseitigen. Ist das angesichts des brutalen Todes überhaupt von Bedeutung?

Hintergrund: Die vier Männer aus Pankow trafen sich an diesem Abend in der Wohnung von René R.. Sie tranken, quatschten und streunten in der Gegend herum. Als ihnen ein Farbiger begegnete, pöbelten sie ihn an. Zu weiteren Übergriffen kam es nicht, stattdessen gingen sie zurück in die Wohnung an der Walter-Friedrich-Straße in Weißensee, hörten Musik und tranken weiter. Dann hatte einer der vier angetrunkenen Rumtreiber die fatale Idee. «Wir wollten den da oben aufmischen, aufklatschen», sagte der jüngste der Angeklagten gestern in seinem Geständnis. Er war dagegen, doch der «Gruppenzwang» zog ihn mit hinein. Das brutale Quartett fuhr aus dem 5. Stockwerk des Miethauses in die 9. Etage. Dort wohnte Dieter Eich, den alle in der Gegend wegen seines wilden Haarwuchses «Beethoven» nannten. Die vier drangen in die Wohnung, zwei der Männer schlugen und traten auf den schlafenden Beethoven ein. Dann soffen die Männer unten weiter. Irgendwann dämmerte einem von ihnen, dass ihr Opfer sie wieder erkennen könnte. Also fuhren sie wieder hinauf. Der 18-jährige René R. nahm sein Messer und stach es dem Schwerverletzten zwischen die Rippen. Beethoven verblutete.

Erneut ging es runter, wieder muss einem der Täter eine dunkle Ahnung gekommen sein. Was, wenn jemand den Toten findet und die Polizei Spuren sichert? Zum dritten Mal marschierten die vier Männer in die 9. Etage. Diesmal beseitigten sie Spuren. Sie reinigten das Messer mit Spülmittel, wischten Fingerabdrücke von den Möbeln. Zuletzt schmissen sie ihre Kleidung in einen Müllcontainer.

Drei Tage zuvor war der Polizei die Wohnung des René R. im selben Wohnhaus bereits aufgefallen. Bei einer Feier riefen einige offenbar angetrunkene Partygäste «Heil Hitler» aus dem Fenster. In Zeugenvernehmungen verstrickten sich die heute Angeklagten in Widersprüche, das Netz der Ermittler schloss sich.

Im Lauf der Ermittlungen offenbarten die vier Angeklagten ihre rechte Gesinnung. Nicht als rechtsradikal würden sie sich bezeichnen, aber als «deutschnational», sagte der Staatsanwalt am Rande des Prozesses. Sie trieben sich auf so genannten Kameradschaftsabenden herum, der Neonazi Arnulf Priem gehörte zu ihren geistigen Lehrmeistern.

Das Motiv für den Mord stellte nach Auffassung des Staatsanwaltes Ralph Knispel ausschließlich der Wunsch dar, die schweren Misshandlungen zu verdecken. Bei der Strafzumessung könnte sich eine rechtsradikale, menschenverachtende Gesinnung jedoch strafschärfend auswirken. Drei der Angeklagten waren zur Tatzeit minderjährig. Ihnen droht nach dem Jugendgesetz eine Höchststrafe von zehn Jahren Gefängnis. Dem mit 21 Jahren ältesten Angeklagten – nach Auffassung der Ankläger zugleich einer der Rädelsführer – droht lebenslange Haft. Offen blieb am ersten Prozesstag die Frage, ob die Schuldfähigkeit der Angeklagten nach dem stundenlangen Alkoholgelage eingeschränkt war. Der psychiatrische Gutachter wird später gehört.

Ratlos stehen Betrachter vor dem willkürlichen Gewaltausbruch der Angeklagten. Haben Eltern, Lehrer, Freunde den vier Heranwachsenden nicht vermitteln können, das Leben eines anderen zu respektieren? Ein Wort der Reue fehlte jedenfalls am ersten Prozesstag.